Wie Wien heimlich zur Hauptstadt der Zahlenflüsterer wurde (und warum das niemanden wundert)
- office79735
- 4. Feb.
- 8 Min. Lesezeit
Wien hat 2.800 Kaffeehäuser. Das steht in jedem Reiseführer, das erzählt Ihnen jeder Taxifahrer, das wissen sogar die Touristen, die nur für ein verlängertes Wochenende kommen und dann wieder verschwinden. Aber hier kommt die Pointe, und die kennt fast niemand: Es gibt über 3.500 Steuerberater in dieser Stadt. Mehr als Kaffeehäuser. Mehr als Würstelstände, wenn ich raten müsste. Das ist keine Fußnote der Stadtgeschichte, das ist eine Sensation. Nur dass sich niemand darüber aufregt.

Ich habe nachgerechnet, weil ich es selbst nicht glauben wollte: Ein Steuerberater auf 540 Wiener. Zum Vergleich – in Hamburg ist es einer auf 680, in München einer auf 620. Wien führt. Deutlich. Und während ich das schreibe, frage ich mich: Warum eigentlich? Warum braucht diese Stadt so viele Menschen, die sich durch Paragrafen wühlen?
Die Antwort hat weniger mit Statistik zu tun als mit der Wiener Seele, wenn man so will. Wien ist alles gleichzeitig: Hauptstadt, wo die Minister ihre Büros haben. Konzernzentrale, wo OMV, Erste Bank und die Wiener Städtische ihre Bilanzen aufstellen. Und Start-up-Metropole, wo jährlich 15.000 Menschen auf die Idee kommen, sie könnten doch auch selbst etwas gründen. 250.000 Selbstständige leben hier, 45.000 GmbHs, dazu Vereine, Stiftungen, und was weiß ich noch alles. Jede dieser Organisationen braucht jemanden, der sich mit Steuern auskennt. Manche täglich. Das erklärt die Zahl. Aber nicht das ganze Bild.
Österreichs Steuerrecht: Eine Zumutung, die sich gewaschen hat
Das österreichische Steuerrecht ist 15.000 Seiten dick. Fünfzehntausend. Das ist kein Buch, das man sich abends mit einem Glas Wein vornimmt. Das ist eine Lebensaufgabe, eine Strafe vielleicht, jedenfalls nichts, was man mal eben so versteht. Einkommensteuergesetz, Umsatzsteuergesetz, Körperschaftsteuergesetz, und dann noch diese ganzen Verordnungen, Erlässe, Richtlinien. Wer da durchsteigen will, braucht entweder sehr viel Zeit oder eine Steuerberatung Wien. Die meisten entscheiden sich für Letzteres.
Nehmen Sie die Umsatzsteuer. Klingt doch simpel, oder? Sie verkaufen etwas, der Staat will 20 Prozent davon. Fertig. Aber dann fangen die Ausnahmen an. Bücher zahlen nur 10 Prozent. E-Books haben früher 20 Prozent gezahlt, jetzt sind es auch 10. Hörbücher als Download? Immer noch 20 Prozent. Warum? Weil das Gesetz aus einer Zeit stammt, als Downloads noch Science-Fiction waren. Die Logik dahinter suche ich bis heute.
Oder diese Kleinunternehmerregelung. Wer unter 35.000 Euro Umsatz im Jahr bleibt, zahlt keine Umsatzsteuer. Großzügig, denkt man. Ist es auch. Aber wenn Sie die Grenze auch nur um einen einzigen Euro überschreiten, wird es hässlich. Rückwirkend fürs ganze Jahr. Mit Nachzahlungen. Viele wissen das erst, wenn der Brief vom Finanzamt im Briefkasten liegt und man denkt: Das kann nicht wahr sein.
Die Konsequenz: Niemand macht seine Steuererklärung mehr selbst. Die Angst ist zu groß. Die Strafen sind zu hoch. Also geht man zum Steuerberater Wien. Wie alle anderen auch.
Die Gründerwelle: Plötzlich wollen alle ihr eigener Chef sein
Seit 2015 explodiert die Selbstständigkeit in Wien förmlich. Fast jeder vierte Erwerbstätige arbeitet für sich selbst. Einpersonenunternehmen, diese EPUs, wie man hier sagt, gibt es inzwischen an jeder Ecke. Webdesigner, Berater, Coaches, Fotografen, Texter. Die neue Arbeitswelt ist bunt und aufregend. Und unglaublich kompliziert.
Wer sich selbstständig macht, braucht heute keine große Ausstattung mehr. Keine Kaffeemaschine, keinen Schreibtisch, keinen Bürosessel. Ein Laptop und WLAN reichen völlig. Aber eines brauchen Sie trotzdem: einen Steuerberater. Denn sobald Sie das Gewerbe anmelden, geht der Papierkram los. Einnahmen-Ausgaben-Rechnung oder doppelte Buchhaltung? Vorsteuerabzug – was ist das überhaupt? Und die Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft, kurz SVS, die will auch noch was von Ihnen.
Die meisten Gründer haben keine Ahnung von all dem. Warum sollten sie auch? Sie können programmieren, fotografieren, texten. Aber Steuerrecht? Dafür haben sie nicht studiert. Also landen sie beim Steuerberater. Oft schon, bevor sie überhaupt anfangen. Denn auch die Gründung will geplant sein: GmbH oder Einzelunternehmen? Was spart mehr Steuern? Solche Fragen.

Und dann ist da noch diese Digitalisierung, von der alle reden. FinanzOnline heißt das Portal der Finanzverwaltung. Ein Fortschritt, heißt es. Mag sein. Aber wenn Sie sich dort zum ersten Mal einloggen, verstehen Sie die Welt nicht mehr. Formulare mit Kürzeln wie L1, E1a, U30. Erklärungen, die nichts erklären. Hinweise, die Sie verwirren, statt zu helfen.
Ein Beispiel gefällig? „Bitte geben Sie die Bemessungsgrundlage für die Umsatzsteuer gemäß § 4 Abs. 1 UStG an." Ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll. Für einen Steuerberater ist das Alltag. Für einen Webdesigner, der seine erste Rechnung schreibt, ist das eine Fremdsprache.
Was ein Wiener Steuerberater heute alles können muss
Früher war der Steuerberater jemand, der mit dem Taschenrechner dasaß und Zahlen addierte. Heute ist er Unternehmensberater, IT-Experte und manchmal auch ein bisschen Therapeut. Denn viele Mandanten kommen nicht nur mit Steuerfragen, sondern mit echten Existenzängsten. Und irgendwie müssen die ja auch raus.
Die Digitalisierung hat den Beruf verändert, das muss man zugeben. Belege abtippen? Macht die Software. Rechnungen buchen? Macht das Programm. Was übrig bleibt, ist die Beratung. Und die wird immer wichtiger, weil sich die Gesetze ständig ändern. Allein in den letzten fünf Jahren gab es über 200 Änderungen im Steuerrecht. Wer da nicht aufpasst, zahlt am Ende drauf.
Ein guter Steuerberater kennt nicht nur die Paragrafen auswendig, sondern auch die ganzen Schlupflöcher und Ausnahmen. Er weiß, wann sich eine GmbH lohnt und wann Sie besser als Einzelunternehmer bleiben. Er sagt Ihnen, ob Sie die Photovoltaikanlage auf dem Dach sofort abschreiben können oder das über Jahre verteilen müssen. Er rechnet Ihnen vor, was günstiger ist: der Firmenwagen oder doch lieber das eigene Auto.
Aber er kann noch mehr. Er warnt Sie, bevor Sie Fehler machen. Er sagt Ihnen, dass Barzahlungen über 10.000 Euro verboten sind. Dass Sie Rechnungen sieben Jahre lang aufheben müssen. Dass bei Auslandsgeschäften diese Reverse-Charge-Regelung gilt, von der Sie noch nie gehört haben. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.
Dann gibt es noch die menschliche Seite der Sache. Viele Selbstständige arbeiten allein. Sie haben niemanden, mit dem sie über ihre Zahlen sprechen können. Der Steuerberater wird dann zum Sparring-Partner. Er hört zu, wenn die Aufträge ausbleiben. Er rechnet aus, wie lange das Geld noch reicht. Manchmal sagt er auch: „Nehmen Sie den Auftrag nicht an, der Kunde zahlt nicht." Das steht in keiner Gebührenordnung. Aber genau das macht den Unterschied aus zwischen jemandem, der nur rechnet, und jemandem, der wirklich berät.
Der Unterschied zwischen einer mittelmäßigen und einer guten Steuerkanzlei liegt übrigens in der Spezialisierung. Manche kennen sich mit Immobilien aus, andere mit Online-Handel, wieder andere mit Freiberuflern. Wer einen Gastwirt genauso berät wie einen Software-Entwickler, hat nicht verstanden, wie unterschiedlich die Branchen ticken. Jede hat ihre eigenen Regeln, ihre eigenen Fallen.
Die dunkle Seite: Wenn alle wollen, aber niemand Zeit hat
Jetzt kommt das Paradoxe: Es gibt zwar viele Steuerberater in Wien, aber trotzdem zu wenige. Klingt widersinnig, ist aber so. Die Nachfrage steigt schneller, als neue Berater nachkommen. Wer heute einen neuen Steuerberater sucht, wartet oft drei Monate auf den ersten Termin. Manche Kanzleien nehmen überhaupt keine neuen Mandanten mehr an. Die Bücher sind voll.
Der Grund ist eigentlich ganz einfach: Es fehlt der Nachwuchs. Die Ausbildung zum Steuerberater dauert mindestens sieben Jahre. Drei Jahre Studium, drei Jahre Berufspraxis, ein Jahr Vorbereitung auf die Prüfung. Und die Prüfung selbst ist brutal. Die Durchfallquote liegt bei 40 Prozent. Manche brauchen drei Anläufe, bis sie durchkommen.
Das schreckt ab, vor allem junge Leute. Warum soll man sich sieben Jahre lang abrackern, wenn man als IT-Consultant nach drei Jahren schon das Doppelte verdient? Die Wirtschaftskammer schlägt mittlerweile Alarm. Bis 2030 gehen 40 Prozent der aktuellen Steuerberater in Pension. Und wer soll deren Mandate übernehmen?

Dazu kommt noch ein zweites Problem: Viele Kanzleien sind schlicht überlastet. Die Auftragslage ist zu gut. Die Folge: Die Qualität leidet. Mandanten werden abgefertigt, statt richtig beraten. Anrufe bleiben unbeantwortet. E-Mails werden spät oder gar nicht beantwortet. Das frustriert alle Beteiligten.
Verschärft wird das Ganze durch die Digitalisierung, so absurd das klingt. Die Software, die eigentlich entlasten sollte, macht neue Probleme. Schnittstellen funktionieren nicht. Programme stürzen ab. Updates verändern Funktionen über Nacht. Ein Steuerberater aus dem dritten Bezirk hat mir erzählt: „Früher habe ich Belege sortiert. Heute sitze ich drei Stunden am Telefon mit dem Software-Support und komme zu nichts." Das kostet Zeit. Zeit, die für die eigentliche Beratung fehlt. Zeit, die am Ende die Mandanten ausbaden müssen.
Eine Grafikdesignerin aus dem siebten Bezirk hat mir ihre Geschichte erzählt: Sie hat ihren Steuerberater drei Wochen vor Fristende um Hilfe gebeten. Die Antwort kam zwei Tage nach Ablauf der Frist. Ergebnis: 300 Euro Verspätungsstrafe. Die Kanzlei hat sich entschuldigt, aber nichts gezahlt. Begründung: überlastet. Solche Geschichten höre ich inzwischen öfter.
Und sie zeigen: Mehr Steuerberater bedeutet nicht automatisch bessere Beratung. Es kommt darauf an, wie viel Zeit sie haben. Und Zeit haben die wenigsten.
Wie Sie den richtigen Steuerberater finden (ohne dabei verrückt zu werden)
Wie findet man also einen guten Steuerberater in Wien? Mein Rat: Vergessen Sie die großen Kanzleien. Nicht, weil die schlecht wären. Sondern weil Sie dort einer von vielen sind. Eine Nummer in der Kartei. Große Kanzleien arbeiten für große Unternehmen. Ein Einpersonenunternehmen ist für die zu klein, zu unwichtig.
Besser ist eine mittelgroße Kanzlei mit drei bis zehn Mitarbeitern. Dort sind Sie wichtig genug, dass man sich um Sie kümmert. Aber die Kanzlei ist groß genug, um Urlaube und Krankheiten abzufangen. Niemand will im August anrufen und nur den Anrufbeantworter erreichen.
Zweiter Punkt: die Spezialisierung. Fragen Sie beim Erstgespräch ganz direkt: Wie viele Mandanten aus meiner Branche betreuen Sie? Wenn die Antwort schwammig ist, haken Sie nach. Ein guter Steuerberater nennt konkrete Zahlen. „Wir haben 40 Mandanten aus der Gastronomie" ist besser als „Wir arbeiten mit verschiedenen Branchen." Das eine ist ein Fakt, das andere eine Floskel.
Dritter Punkt: die Erreichbarkeit. Fragen Sie: Wie schnell kann ich Sie erreichen, wenn ich eine dringende Frage habe? Wenn die Antwort lautet „Schreiben Sie eine E-Mail, wir melden uns", ist das kein gutes Zeichen. Ein guter Berater gibt Ihnen seine Handynummer. Und er geht ran. Vielleicht nicht sofort, aber innerhalb von 24 Stunden.
Vierter Punkt: die Kosten. Was kostet die ganze Sache eigentlich? Die Unterschiede sind enorm. Manche Kanzleien rechnen nach Stundensatz ab, andere arbeiten mit Pauschalpreisen. Der Stundensatz liegt irgendwo zwischen 150 und 250 Euro. Eine einfache Einnahmen-Ausgaben-Rechnung kostet zwischen 800 und 1.500 Euro im Jahr. Eine doppelte Buchhaltung zwischen 2.000 und 5.000 Euro.
Wichtig dabei: Billig ist nicht immer gut. Wer nur 500 Euro für die Steuererklärung zahlt, bekommt oft auch nur das Minimum. Keine Beratung, keine Optimierung, keine Planung. Das kann am Ende teurer werden. Denn wer zu wenig in Beratung investiert, zahlt mehr Steuern als nötig.
Ein Rechenbeispiel, damit das klarer wird: Eine selbstständige Übersetzerin verdient 60.000 Euro im Jahr. Ihr billiger Steuerberater verlangt 600 Euro für die Jahreserklärung. Klingt günstig. Ist es auch. Aber er übersieht, dass sie ihr Arbeitszimmer steuerlich absetzen kann. Das wären 3.000 Euro weniger zu versteuerndes Einkommen gewesen. Bei einem Steuersatz von 42 Prozent hätte sie 1.260 Euro gespart. Ein guter Steuerberater hätte 1.200 Euro gekostet, aber eben diese 1.260 Euro Ersparnis gebracht. Unterm Strich hätte sie mehr Geld gehabt. So einfach ist die Rechnung manchmal.
Fünfter und letzter Punkt: die Chemie. Klingt esoterisch, ist es aber nicht. Sie werden mit Ihrem Steuerberater über Geld reden müssen. Über Ihr Einkommen, Ihre Ausgaben, Ihre finanziellen Sorgen. Das funktioniert nur, wenn Sie dem Menschen vertrauen. Wenn Sie nach dem Erstgespräch ein komisches Gefühl haben, suchen Sie weiter. Es gibt genug andere.
Wien 2030: Wird es noch schlimmer?
Wie sieht die Zukunft aus? Die Wirtschaftskammer hat eine Prognose gewagt: Wien wird bis 2030 mindestens weitere 500 Steuerberater brauchen. Mindestens. Der Grund ist immer der gleiche: Die Wirtschaft wächst, mehr Menschen machen sich selbstständig, die Gesetze werden nicht einfacher. Im Gegenteil.
Aber es gibt auch Gegenbewegungen. Die Automatisierung macht Fortschritte, das stimmt schon. Software übernimmt immer mehr Aufgaben. Belege scannen, buchen, Umsatzsteuervoranmeldungen erstellen – das läuft heute weitgehend automatisch. Manche Start-ups behaupten sogar: Steuerberater werden überflüssig. Bald braucht man die nicht mehr.
Das ist natürlich Unsinn. Kompletter Unsinn. Denn Software kann keine Paragrafen interpretieren. Sie kann nicht entscheiden, ob eine Ausgabe absetzbar ist oder nicht. Sie kann nicht beraten, welche Rechtsform sich für Sie lohnt. Sie kann nur rechnen. Und das konnte sie schon immer. Ein Computer ist kein Ersatz für einen denkenden Menschen.
Was sich ändern wird: die Rolle des Steuerberaters. Er wird weniger Buchhalter sein und mehr Berater. Weniger Vergangenheit, mehr Zukunft. Weniger Zahlen eintragen, mehr strategisch mitdenken. Das ist eine Chance. Für beide Seiten, wenn man ehrlich ist.
Denn eines steht fest: Wien wird auch in zehn Jahren mehr Steuerberater brauchen als Kaffeehäuser. Nicht, weil die Wiener so gerne Steuern zahlen. Das tut niemand gerne. Sondern weil sie wissen wollen, wie sie weniger zahlen können. Legal, versteht sich. Und dafür braucht es Experten. Menschen, die das Kleingedruckte lesen. Menschen, die Paragrafen verstehen. Menschen, die Ihnen den Weg durch diesen Dschungel zeigen können.

Die Stadt der Kaffeehäuser ist auch die Stadt der Steuerberater geworden. Das mag Sie überraschen. Mich hat es auch überrascht, als ich die Zahlen gesehen habe. Aber wenn man darüber nachdenkt, macht es Sinn. In beiden Fällen geht es um das Gleiche: um guten Service, um Vertrauen, um das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Mit einem kleinen Unterschied: Beim Steuerberater sparen Sie am Ende Geld. Im Kaffeehaus geben Sie es aus. Aber das wissen wir ja alle längst.


